.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ich glaube nur was ich sehe!


 



Wahrnehmung, Täuschung und  Achtsamkeit


"Ich glaube nur was ich sehe"
das sagen doch immer wieder viele.

Aber sehen wir immer alles richtig?
Nehmen wir alles wahr, was geschieht?
Sind wir immer aufmerksam und achtsam?
Ist wirklich alles wahr was wir sehen?

Seht Euch dieses 

an und befolgt genau die Anweisungen zu Beginn.
Falls ihr am Schluss die zweite Frage nicht beantworten könnt,
schaut Euch das Video nochmals an.

(Die Pässe müsst ihr dann ja nicht mehr zählen)



:)


Montag, 28. Oktober 2013

Der Mittlere








Der Mittlere 
zu sein, ist nicht immer einfach.
(Eine provokative Erkenntnis)


Das Geschlecht, aber auch der Rang in der Geburtenfolge, hatten schon immer einen bedeutenden Einfluss auf die Bestimmung der Kinder. Ihre Chancen und Geltung waren dementsprechend sehr unterschiedlich.  
So wurden seit jeher in vielen Kulturen die ältesten Söhne, als Stammhalter, vor allen anderen ausgezeichnet und mit Privilegien bedacht. Sie wurden im Adel mit der Thronfolge oder mit höheren Titeln (Erstgeburtstitel) geschmückt oder bei Handelsleuten für das Weiterführen der Geschäfte besonders gut ausgebildet. 
Auch wurden sehr oft die ältesten Söhne oder die jüngsten Erben durch das Anerbenrecht (ehem. schweiz. bäuerliches Bodenrecht oder dt. Höfeordnung) mit Gütern bedacht. Denn mit der üblichen Form des Majorat ging das Hoferbe an den ältesten Sohn. Genau das Gegenteil erreichte das Minorat, eine Erbfolge nach welcher die Vererbung auf das jüngste Kind übertragen wurde. Auch wurde allgemein, oft das Elternhaus dem Jüngsten vermacht, besonders wenn es ein Mädchen war.
Laut neuster Entwicklungspsychologie und Geschwisterforschung hat die Geschwisterfolge aber auch klare Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und ist ganz allgemein prägend für das spätere Leben. Viele Studien haben gezeigt, dass die Geburtenfolge, viel grösseren Einfluss auf den Charakter hat, als die elterliche Erziehung.
Die Position als Erst-, Zweit- oder Drittgeborener ist also entscheidend; auch wenn grundsätzlich jede Geschwisterposition – der Primus, das „Sandwichkind" oder das Nesthäkchen – seine Vor- und Nachteile hat. 
Doch eben nur die Stammhalter und die Nesthäkchen, also das älteste und das jüngste Kind, haben in der Familie klare Funktionen und Aufgaben und damit auch mehr Vorteile.

Der Ältere, der schon Grosse:
erhält als Erstgeborener zunächst die ungeteilte Aufmerksamkeit von Mama und PapaKeines der nachgeborenen Kinder wird jemals so viel Achtsamkeit im Frühstadium bekommen wie er wie er. 
Darum sind dann die Erstgeborenen oft die Vernünftigsten, übernehmen gerne die Führungsrolle und Verantwortung. Oft sind sie auch eher perfektionistischDas mag daran liegen, dass sie als Babys die anfängliche Unsicherheit ihrer jungen Eltern und ihre Bedenken, ja alles richtig zu machen, besonders spüren. Bald merken sie, dass die Zweifel und die Unentschlossenheit der Eltern, eng mit ihren Leistungen zusammenhängen.

Prominente Erstgeborene: Angela Merkel, Winston Churchill, John Wayne, Steffi Graf, Boris Becker


Der Jüngere, das Nesthäkchen:
Mit dem Begriff "Nesthäkchen" wird das jüngste Kind einer Familie, bezeichnet, das dann auch als letztes „aus dem Nest fliegt“. Und das süsse Nesthäkchen, das oft im Mittelpunkt glänzt und verwöhnt wird, sogar noch dann, wenn die älteren Geschwister längst aus dem Haus sind, hat ebenfalls ganz klare Vorteile
Die Verwandtschaft ist vom Jüngsten begeistert, alle finden es süss. Diese Kleinen schaffen es normalerweise mühelos, ihre Eltern, Grosseltern, aber auch ihre grösseren Geschwister um den Finger zu wickeln. Meist verwöhnen sie die Eltern und es wird von ihnen auch weniger verlangt. Möchten die Zwei- oder Dreijährig noch immer öfter getragen werden, erreichen sie meist ihr Ziel. Denn schliesslich muss ihre Mutter weder einen Kinderwagen schieben, noch hat sie einen dicken Babybauch.
Der Kleine erlebt seine Eltern oft erfahrener und darum gelassener als die Geschwister vor ihm. Er steht alleine aus zeitlichen Gründen auch nicht mehr so stark unter der Beobachtung der Eltern. Zudem geniesst er oft schon früh Vorrechte und Freiheiten, für die seine älteren Geschwister noch hart kämpfen mussten. Das finden die Geschwister oft ungerecht, weil vieles für sie damals nicht selbstverständlich war. Sehr oft profitiert das ‘Letztgeborene‘ auch davon, dass er „noch nicht kann“ oder „bereits kann“, je nachdem wie es für ihn gerade gelegen kommt.

Prominente Nesthäkchen: Charlie Chaplin, Danny DeVito, Johnny Depp, Eddie Murphy, Julia Roberts, Céline Dion, Janet Jackson


Der Mittlere, der ewige Verlierer?
Das mittlere Kind einer Familie hat es immer etwas schwieriger als seine Geschwister, denn es hat oft beachtliche Nachteile zu tragen und meistens bedeutend weniger Vorteile gegenüber den beiden Anderen. Darüber sind sich natürlich alle Mittleren, aber inzwischen auch die Wissenschaft, so ziemlich einig.
Dem mittleren Kind fehlt es oft am Platz in der Familie. Deshalb benennt die Geschwisterforscher Kevin Leman es als „Zu spät geboren und doch zu früh“. Das heisst, dass mittlere Kinder zu spät geboren werden, um die Vorteile des Ältesten zu geniessen und zu früh, um sich wie die Jüngsten mehr erlauben zu können. Sie kommen also weniger in den Genuss von Privilegien und Grosszügigkeiten der Eltern als das "Nesthäkchen".
Die „Mittelkinder“ haben also, weil sie sowohl ältere wie auch jüngere Geschwister haben, nie diese ungeteilte Aufmerksamkeit von den Eltern und den Verwandten, so wie dies beim Erstgeborenen der Fall war und sie wurden aber auch als Nesthäkchen behandelt, so wie es dem jüngsten Kind zu Teil wird. Im Gegenteil, sie stehen im dauernden Konkurrenzkampf zu einem der beiden.

Diese geringere Aufmerksamkeit kann am Selbstwertgefühl kratzen. Mögliche Folge: Der Mittlere neigt oft zu Ernst, Ängstlichkeit und Depressivität. Auch sind sie oft eher konfliktscheu und man stellt bei ihnen oft einen starken Hang zum Zynismus fest. 
Leman hat auch beobachtet, dass es vielen Mittleren sehr schwerfällt, um Hilfe zu bitten. Vielleicht ein Resultat des Gefühls, mehr als die Geschwister auf sich selbst gestellt zu sein. Vor allem in der Kindheit laufen auch manche Gefahr, auf destruktive Art im Mittelpunkt stehen zu wollen.
Denn „Sandwichkinder“ kämpfen durch ihre schwierige Position immer an zwei Fronten gleichzeitig um „Auffallen“ und „Beachtung“ zubekommen.
Dennoch, diese „Dazwischenkinder“ sollte man keinesfalls unterschätzen, weil sie sehr sympathisch sein können. 

Berühmte Mittlere: Lady Diana, Pipa Middleton, Michael Jackson


Stimmen die Klischees vom führenden, dominanten Erstgeborenen, dem benachteiligten „Sandwichkind“ und dem verwöhnten und ‘verhätschelten‘ Nesthäkchen also zu? 
 
Ja, das klingt zwar sehr nach Klischee, doch verblüffender Weise haben Wissenschaftler wie die amerikanischen Psychologen Kevin Leman und Frank J. Sulloway herausgefunden, dass diese Eigenschaften tatsächlich immer wieder auftauchen - und zwar in den unterschiedlichsten Familien, in den verschiedenen sozialen Schichten und in allen Ländern und Kulturen.

Trotzdem, das Wesen von mittleren Kindern zu verallgemeinern, ist weit schwieriger als bei den anderen Geschwistern. 
Mittelkinder können sich sehr unterschiedlich entwickeln, denn sie sind „Sowohl als auch“-Typen, wie US-Psychologe Kevin Leman es nennt. Sie sind Einflüssen aus den verschiedensten Richtungen ausgesetzt: von oben, von unten und von den Eltern.

Darum stecken sie oft voller Widersprüche. So können Sandwich-Kinder eher ängstlich sein, andere sind lebhaft, wieder andere ungeduldig oder sogar aggressiv und die meisten haben ständig das Gefühl, nie gut genug zu sein. Das wird dann im späteren Leben von anderen oft ausgenutzt und ist oft mit ein Grund für das Burnout-Syndrom. Um diesem Minderwertigkeitsgefühl entgegenzuwirken hilft oft meist nur viel Liebe, um dem Kind Selbstvertrauen zu geben.

Doch vierzig Prozent der Eltern finden es extrem schwierig, drei Kinder grosszuziehen und erst noch alle gleich zu behandeln. Sie finden es gar so schwierig, dass sie anderen Eltern vom dritten Kind abraten.
Die meisten Eltern behaupten zwar, dass ihnen ihre Kinder gleich lieb und teuer sind. Aufmerksamkeit, Liebe und Geduld, aber auch Zeit und Geld würden gleichmässig unter allen drei Kindern aufgeteilt. Das sehen die Mittleren jedoch meistens ganz anders und neueste Studien zeigen, dass sie damit nicht ganz unrecht haben.
Denn paradoxerweise zeigt sich, dass gerade bei exakter mathematischer Teilung von Zeit, Geld und allen übrigen Ressourcen, die „Sandwichkinder“ insgesamt benachteiligt bleiben. Die Erklärung dafür liefert ein simples mathematisches Modell. 
Das theoretische Modell „Gleichverteilungsheuristik“ von Ralph Herwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin basiert auf einer einfachen Berechnung. Dieses belegt: Auch wenn die Eltern versuchen alle ihren Bestand an Nahrung, Geld und Zeit absolut gerecht unter den Kindern aufzuteilen, steht das mittlere Kind am Ende trotzdem als Verlierer da. Der Grund ist: Der älteste Nachwuchs erhält - je nach Altersunterschied - in seiner anfänglichen Einzelkindphase für einige Jahre die ungeteilte Fürsorge der Eltern und kann so einen Vorsprung gegenüber den Nachfolgenden aufbauen. Auch das jüngste Kind erlebt das Privileg der ungeteilten Aufmerksamkeit, sobald die restlichen Geschwister selbstständig oder aus dem Haus sind. Nur das mittlere Kind, das immer teilen muss, kommt somit, mathematisch nachweisbar, immer zu kurz. Hier wäre es manchmal eben fairer, nicht gerecht zu sein.
 
Aber auch in zahlreichen empirischen Studien zeigt sich, dass die „Zwischenkinder“ oft weniger Aufmerksamkeit bekommen, da der Reiz des Neuen bereits vorbei ist und die natürliche „Fürsorge“ für den Kleinsten nicht gegeben ist. Somit haben Mittlere zu Recht das oftmaligen Gefühl der Vernachlässigung.
Nicht selten kämpfen sie darum durch provokatives Verhalten um die Beachtung der Eltern, sind fordernder und auch aggressiver als ihre Geschwister.
Das löst dann meistens einen Teufelskreis aus, der die Lage nur noch verschlimmert. Mittlere Kinder fühlen sich dann umso mehr unverstanden, zurückgesetzt und übergangen - im schlimmsten Fall geradezu zerrissen zwischen den anderen Geschwistern.

Übermässig oft wird dem „Dazwischenkind“ auch vorgeworfen, die übrigen Geschwister zu nachteiligem Verhalten motiviert zu haben. Und, das zeigen Untersuchungen, mittlere Kinder werden in der Wahrnehmung der Eltern“ auch weniger oft als krank oder als Opfer akzeptiert! Das zeigt ihre gefühlsmässig geschwächte Position gegenüber den Eltern.

Nicht unproblematisch ist vor allem ein kleiner Abstand zwischen den Geschwistern: „Das kann dazu führen, dass die Kinder nicht mehr in ihrer Einzigartigkeit wahrgenommen werden“, sagt die Psychoanalytikerin Lehr-Rottmann. In dem Fall werden Geschwister mitunter zu Rivalen - vor allem, wenn sie auch noch das gleiche Geschlecht haben.
Ein wenig einfacher haben es da nur die mittleren Kinder, die der einzige Junge oder das einzige Mädchen in der Familie sind. „Als ‚Prinz‘ oder ‚Prinzessin‘ haben sie eine recht klare Position“, schreibt Sulloway im „Psychological Bulletin“


Die Geschwister-Konstellation setzt sich also aus mehreren Faktoren zusammen.
Dazu gehören die Anzahl der Geschwister, das Geschlecht und eben der Altersunterschied.

Sozusagen das Schlimmste was passieren kann, der „Supergau“ der Familienplanung, sind also


drei gleichgeschlechtliche Geschwister, 
alles Knaben –
und das innerhalb von 5 Jahren


Das setzt eigentlich ein beinahe studiertes Wissen der Eltern in der Erziehungspsychologie voraus.

Und genau diese Schlimmste aller Schlimmen, ja geradezu die fatale Konstellation, traf nun genau bei mir zu.
Eigentlich ein nicht lösbares Problem für meine Eltern – oder sagen wir mal, sicher ein sehr schwieriges, erzieherisches Unterfangen nebst Geschäft, Haus und Garten.

Ich war also ein „Sandwichkind" ersten Güte und ja, ich glaube, dass mich das mitgeprägt hat!
Ich stand immer zwischen Ro dem Älteren und Ri dem Jüngeren. Wenigstens während 10 Jahren, bis dann das wirkliche Nesthäkchen der Familie, meine Schwester Ri auf die Welt kam. Heute hat das keine Bedeutung mehr für mich, aber als Ro noch „der Grössere“ und Ri „der Kleinere“ war, da war es für mich, den „Mittleren“ nicht immer ganz einfach.

Denn der Mittlere zu sein, ist so etwas wie „das fünfte Rad am Wagen" – einfach überflüssig!
Das mittlere Kind hat immer einen schweren Stand denn es ist nichts – zumindest nichts Bestimmtes. Weder der „schon Ältere“ mit seinen Vorteilen, noch „der grosse Vernünftige“. Auf der anderen Seite auch nicht mehr der „noch Jüngere“, oder der „noch Kleine mit Bonus“.

Darum wird gerade von mittleren Kindern behautet, dass sie in der Familienkonstellation oftmals nicht zur Geltung kommen. Einfach, weil sie nicht “speziell“ sind. Sie ziehen im Alltag einfach so mit, werden nicht mit der besonderen Aufmerksamkeit und dem Stolz des Erstgeborenen bedacht, geschweige denn mit dem oftmals liebevollen Verhätscheln des Nesthäkchens. Höchstens wenn dann mal was ganz schief läuft beim Mittleren, dann wird es zur grossen Katastrophe.

Als „Sandwichkind“ gehört man darüber hinaus auch zu einer aussterbenden Minderheit, denn nur noch etwa 20% aller Familien in der Schweiz haben mehr als 2 Kinder. Somit wird die Anzahl an „Leidensgenossen“ immer kleiner – und die Möglichkeit sich zu solidarisieren oder zu verbünden immer geringer. Auch wird damit die Problematik „Sandwichkinder“ so vermehrt nur noch am Rande wahrgenommen und thematisiert.

Man kann es drehen und wenden wie man will, „Sandwichkinder" haben also den zweiten Platz eingenommen und müssen sich somit immer mit der Silbermedaille zufrieden geben?
Nein, so schlimm ist es nun wirklich auch nicht. Die US-Psychologin Kathy Nessel, selbst ein Sandwich-Kind, sagt: „Wir Mittelkinder hegen keine zu grossen Erwartungen und sind folglich bereit, viele Dinge hinzunehmen und das Beste daraus zu machen.“
Denn das mittlere Geschwisterkind zu sein, kann natürlich auch Vorteile haben. Vorallem dann, wenn die Eltern darauf achten, dass auch dem Mittleren niemals
Liebe, Beachtung, Wohlwollen, Geborgenheit und Nestwärme fehlt.

So lange sich das Sandwichkind von den Eltern nicht ungeliebt, unwillkommen oder sogar minderwertig fühlt, haben gerade diese mittleren Kinder die besten Möglichkeiten sich eigenständig und selbstbewusst entwickeln zu können. Weil sie merken sehr früh, instinktiv, dass sie keine spezielle Stellung innerhalb der Familie einnehmen. Das spornt sie ganz besonders an, sich Anerkennung, Beachtung und Lob zu verdienen.

Denn sie wollen immer die Guten und Lieben sein. Sowohl innerhalb der Familie wie auch ausserhalb. Das ist auch der Grund, weshalb mittlere Kinder in der Geschwisterkonstellation oft auch überaus kontaktfreudig, tolerant und einfühlsam sind. Sehr oft sind sie auch reifer, eigenverantwortlicher und authentischer. Denn sie orientieren sich – oft unbewusst – nicht an ihrem Geschwistern.

Da sie auch weder ganz schnell gross, wie die Erstgeborenen, noch so lange wie möglich klein und schutzbedürftig, wie die Nesthäckchen, sein müssen bleibt ihnen dafür mehr wertvolle Zeit, um immer wieder mit sich und der Umgebung zu experimentieren und so herauszufinden wer sie wirklich sind und welche Möglichkeiten sie in Zukunft haben werden.

Manchmal bringt der Platz in der «goldenen Mitte» auch besondere Vermittlerqualitäten hervor und Sandwich-Kinder entwickeln sich zu regelrechten Diplomaten. Sie werden dann in der Familie gerne gebraucht, um Konflikte zu lösen, bei schwierigen Problemen zu vermitteln oder als Überbringer von schlechten Nachrichten.

Denn sie lernen bald, Kompromisse einzugehen oder auch Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern zu schlichten. Mittelkinder sind auch oft bereit, andere Wege auszuprobieren, das macht sie zu unabhängigen Denkern, so Leman.

Englische Forscher kamen auch zu dem Schluss, dass „Sandwichkinder“ im Alter glücklicher seien als ihre Geschwister, weil sie nicht so stark bemuttert und verwöhnt wurden, sondern früh selbstständig werden mussten, meistens gut mit Menschen umgehen können und realistische Erwartungen an ihre Umgebung haben.

Und übrigens:
66 Prozent der „Sandwichkinder“ haben ihren Eltern für die Ungerechtigkeiten verziehen. Immerhin.
Ich gehöre auch dazu, denn durch das Befassen mit der Problematik habe ich gemerkt, dass Eltern kaum etwas dafür können, denn das Ganze ist zu komplex.
 
Zudem, was soll’s, fast alle Kinder fühlen sich im Vergleich zu ihren Geschwistern benachteiligt.
Doch in Wirklichkeit, profitieren alle Geschwister voneinander – ganz gleich, ob sie nun die Älteren, die Jüngeren oder die Mittleren sind, sagt der Geschwister-Experte am Staatsinstitut für Frühpädagogik, Hartmut Kasten. „Sie trainieren Kompromisse zu verhandeln, Bündnisse zu schmieden, konstruktiv zu streiten - das ist soziales Training für das ganze Leben.“


Noch ein paar praktische Hinweise für Mittlere:

Partner für „Sandwichkinder": Mit praktisch jedem Partner ist eine gute Beziehung möglich, da sie es von klein an gewohnt sind, zu vermitteln und Harmonie zu erzeugen. Aber Achtung: Die Gefahr, den Respekt des Partners zu verlieren ist latent gegeben, wenn der Sandwich-Geborene nie für seine Rechte und seinen Standpunkt eintritt.


Berufe für „Sandwichkinder": Arbeiten im Team kommen ihnen sehr entgegen, Gefahr des Ausgenutztwerdens ist aber immer da, daher sollten sie sich ein Unternehmen suchen, das um das Wohl ihrer Mitarbeiter bemüht ist. Sie sind oft in sozialen Berufen zu finden, nicht so sehr in akademischen Bereichen.
©/® Copyright by Herr Oter



Nachweise:
Ich beziehe mich nebst eigenen Erfahrungen und diversen Internet-Recherchen auf Veröffentlichungen folgender Personen (Zitate, Studien, Bücher):

Alfred Adlers 
Buch: „Individualpsychologie"
Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften Herausgegeben und bearbeitet von Heinz L. Ansbacher und Rowena R. Ansbacher 1956, Reinhardt Verlag München/Basel 1982 (Adlers, einer der drei Begründer der Psychologie in Deutschland (neben Freud und Jung) 

Gleichverteilungsheuristik:
Die Original-Studie von Ralph Heftig, Jennifer N. Davis und Frank J. Sulloway ist unter dem Titel "Parental Investment: How an Equity Motive Can Produce Inequality" in der aktuellen Ausgabe des Psychological Bulletin (Bd. 128, Nr. 5, S. 728-745) erschienen.

Psychologe und Geschwisterforscher Kevin Leman: 
Buch: „Geschwisterkonstellationen“ - Die Familie bestimmt Ihr Leben

Psychoanalytikerin Dr. phil. Eleonore Lehr-Rottmann, Konstanz. 

US-Forscher Frank J. Sulloway, Wissenschaftshistoriker am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston
Buch: „Der Rebell der Familie“ - Geschwisterrivalität, kreatives Denken und Geschichte

Psychologin Linda Blair:
Buch: „Großer Bruder, kleine Schwester“ - Wie unsere Position in der Familie unseren Charakter prägt




:))

Freitag, 25. Oktober 2013

Ro, Re, Ri – Ri






Ro, Re, Ri – Ri

Was tönt wie eine Tonleiter, sind die Initialen der Vornamen, die Mutter uns gegeben hat. 
Eine interessante Auswahl, wie ich finde, denn alle vier Namen beginnen mit einem R, jeder hat vier Buchstaben und alle sind zweisilbig. Somit kann keiner sinnvoll abgekürzt oder verkleinert werden. Ich meine damit diese Verniedlichung mit -li (Hansli, Vreneli usw.), die ja gerade in der Schweiz sehr beliebt ist und dem „armen“ Anneli manchmal bis ins greise Alter anhaften bleibt.
Oft werde ich nach dem Hintergrund dieser speziellen Auswahl durch unsere Eltern gefragt. Aber ich glaube nicht, dass da ein Plan bestand. Es scheint sich eher so ergeben zu haben. 
Ro für einen Knaben und Ri, wenn es ein Mädchen wird, das standen zu Beginn fest. Doch es kamen dann drei Buben zur Welt und erst ein Jahrzehnt danach, endlich das vom Vater langersehnte Mädchen. Darum musste immer wieder ein neuer männlicher Vorname gesucht werden, der zu Ri (weiblich) zu passen hatte. 
Aber, dass die Namen weder abgekürzt noch verkleinert werden konnte, das war Mami schon wichtig und Papi, er hat sich bei der Namenwahl vermutlich mit einem „Ja“ zufrieden gegeben.

Der Mittlere:
Ro ist der Ältere, Ri ist der Jüngere und Re, das bin ich und stehe ziemlich genauen der Mitte der beiden. 
Das war nicht immer einfach, finde ich. Denn der Mittlere zu sein, ist so etwas wie das fünfte Rad am Wagen….. 
Aber dazu lasse ich das nächste Mal meine Gedanken (k)reisen.
(Link zu: Der Mittlere)


;) 

Dienstag, 22. Oktober 2013

Quer durch Frankreich 2 - Was ist los mit Vermenton?






Quer durch Frankreich

Spannende 3200 Kilometer von Basel am Rhein bis nach Auderville am Ärmelkanal und zurück – durch grossartige Landschaften, leidenschaftslose Touristenorte mit pulsierendem Leben und mausarme, verträumte Provinz-Dörfer. Überschäumende Ferienstimmung der Gegenwart hier und bedrückenden Geschichte der leidvollen Vergangenheit dort. Tausende goldgelbe Strohballen auf endlosen Feldern und ebenso viele schneeweisse Grabkreuze und graue Gedenkplatten auf geschichtsträchtigem Gelände, beides vor dem gleichen tiefblauen Himmel.

Freud und Leid, mit dem unsicheren Blick des Fremden gesehen, das nie richtig zu überzeugen vermochte, aber oftmals ziemlich nachdenklich stimmte. Die Eindrücke dieser Reise waren grossartig und beeindruckend, aber auch aufwühlend und bedrückend.
Sie könnten gegensätzlicher nicht sein.

Darüber werde ich hier in mehreren Folgen berichten und dabei nicht nur auf der oberflächlichen Reiseberichterstattung bleiben, sondern manchmal auch ganz schön in die Tiefe gehen und hervorheben, was meine nachträglichen Recherchen auf die vielen Fragen, die sich mir während dieser Reise immer wieder stellten, hervorbrachten.


Teil 2: (Zum Teil 1)
Was ist los mit Vermenton?
Oder die exemplarische Geschichte vom Auf- und Abstieg einer kleinen französischen Provinzstadt.

Wichtiger Hinweis:
Die Geschichte von Vermenton habe ich aus diversen Dokumenten, die im Internet zu finden sind, zusammengestellt.
Die Übersetzung ins Deutsche war, bedingt durch meinen mangelnden Französischkenntnissen, nicht immer ganz einfach. Darum musste ich einiges auch einfach „interpretieren“. Auch die Schlüsse, die ich aus den gefundenen Daten und Fakten gezogen habe, müssen nicht den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen.

Von der Gründung bis zur Hochblüte:
Die ältesten Dokumente über Vermenton gehen auf das Jahr 901 zurück.
Im Jahr 1157 wird dann eine Burg erwähnt, die den Grafen von Auxerre gehörte. Doch bereits im Jahr 1213 wandelt der Bischof von Auxerre die Burgkapelle in eine öffentliche Pfarrkirche um. Während die Burg später aufgegeben und abgetragen wurde, wird die Dorfkirche während Jahrhunderten erhalten und bis heute genutzt. Sarkophage, die im achtzehnten Jahrhundert bei dieser Kirche gefunden wurden, belegen sogar einen ersten Friedhof aus dem 5. Jahrhundert.
1368 wurde vom König eine erste Stadtmauer um das Gebiert der Kirche bewilligt und 1514 erlaubte König Louis XII den Bau einer zweiten, grösseren Umfriedung. Die aufblühende Stadt Vermenton wurde zu dieser Zeit zur Ausübung mehrere Gerichtsbarkeiten befähigt:
Die des Königs (mit einem Galgen), die der Kirche (durch die Abbey Reigny) und die der Feudalherren (Bazarnes). Ab 1746 fanden sich die verschiedenen Gerichte dann jeweils im Südturm, dem sogenannten „grossen Turm“ und heutigen "Tour du Méridien“, zusammen. Im untersten Stockwerk des Bauwerkes war auch das Gefängnis untergebracht.

In Vermenton hatte im frühen Mittelalter – nebst den Privilegien einer Stadt – auch ein aufstrebendes Kloster grossen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. Denn in der 1128 gegründeten Zisterzienserabtei „Reigny“ wohnten in der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zu 300 Mönche.
Nebst der Verwaltung einer grossen landwirtschaftlichen Fläche, ausgedehnten Wäldern, Rebbergen und dem Betrieb von mehreren Mühlen pflegten sie im sogenannte "Maison Dieu", das zwischen den grossen Mühlen angesiedelt war, auch viele Kranke. Ebenso auch im “Leprosorium“, einem Siechenhaus für Leprakranke, das in der „seuchenfreien“ Zeit zum Krankenhaus und Hospiz für die ärmere Bevölkerung umfunktioniert wurde. Aber bereits 1358 wurden die beiden Einrichtungen von englischen Soldaten stark beschädigt.
Diese Betriebe der Ordensgemeinschaft beschäftigten nebst vielen Arbeitskräften auch eine grosse Zahl an Zulieferbetrieben.

Vor allem aber hatte der Fluss „Cure“ eine grosse wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt und die Region.
So wurde in Vermenton bereits im Jahre 1238 eine Brücke über den Fluss gebaut. Die einzige weit und breit. Bis zu ihrer Zerstörung während der Religionskriege im sechzehnten Jahrhundert – um die Protestanten zu blockieren – brachte dieser wichtige Übergang viel Reise- und Güterverkehr ins Städtchen, von dem man profitieren konnte. Ein Wiederaufbau ist danach aber trotzdem mehrmals gescheitert.
Der Fluss nach Paris hatte aber vor allem als Wasserstrasse eine sehr grosse Bedeutung für die Stadt. Auf ihm wurden jahrhundertelang diverse Güter transportiert, von 1546 bis 1926 insbesondere Holz aus dem Gebiet „Morvan“, einem bewaldeten Granitmassiv östlich von Vermenton. Die riesigen Holz-Mengen, die damals einen grossen Teil der Öfen der Hauptstadt Paris befeuerten, erlaubten es, in Vermenton einen Hafen mit einem Stauwehr zu bauen. Das Holz wurde zu Flössen zusammengebunden (1,14 x 4,56 m) und diese dann aneinandergereiht, bis „der Zug“ eine stattliche Länge von 70 Metern erreichte. Diese „Züge“ ergaben so zwischen 180 und 240 Ster (m3) Holz. Durchschnittlich verliessen zwischen 1796 und 1816 jeweils 2 Züge pro Tag den Hafen von Vermenton und im Jahr 1804 erreicht man sogar den Rekord von 1051 Transporten.
3 bis 4 Flösser wurden pro Zug benötigt und diese brachten dann oft bei der Rückkehr verschiedenste Handels-Waren aus Paris mit, die in anderen ländlichen Regionen damals noch nicht erhältlich waren.
Auch Granit aus dem Zentralmassiv wurde transportiert und die grossen Kalkvorkommen in der Gegend wurden genutzt um auch eine einträgliche Zementproduktion aufzubauen.

Zusätzlich zu der Wasserstrasse führte aber auch eine wichtige, nationale Landstrasse nach Paris. Die spätere „Route nationale“ (N6), führt mitten durch das Städtchen. Auf ihr reiste beispielsweise auch Napoleon, von der Insel Elba herkommend, in die Hauptstadt und blieb, gemäss den Protokollen, in Vermenton zum Mittagessen.

Die Verwaltung und Betriebe einer Handelsstadt, die Regionalverwaltung, das Kloster mit seinen Arbeitsstätten, die Flösserei, die Gewinnung aus den diversen Kalköfen und Mühlen und der Ertrag der Rebberge brachten viel Arbeit und Wohlstand in die Gegend.
Vermenton erlebte in dieser Zeit seine Hochblüte.



Der Niedergang und die Abwanderung:
Bereits im 17./18. Jahrhundert verlor das Kloster „Reigny“ an Einfluss und Bedeutung, was sich nicht zuletzt auch in einem starken Rückgang der anwesenden Mönche bemerkbar machte. Von ehemals 300 Mönchen, die in der Mitte des 14. Jhr. das Kloster beherbergte, waren bei der teilweisen Zerstörung und der nachfolgenden Auflösung während der Französischen Revolution (1789 bis 1799), lediglich noch acht Mönche dort anwesend.



Abbaye de Reigny in Vermenton heute
Autor Patrick89 - Wikimedia

Dann, im Jahr 1887, markierte der Schädling Reblaus einen grossen Rückschlag im Wein-Geschäft. Doch trotz der Verschlechterung der Wirtschaftslage bauten gerade in dieser Zeit viele Winzer kleine, trockene Rebberghütten aus Stein um sich vor dem nassen Wetter zu schützen. Man wehrte sich also!

Im Jahr 1873 erhielt Vermenton einen Bahnhof der rasch recht gut frequentiert wurde. So stiegen im ersten vollständigen Betriebsjahr bereits 7504 Personen in einen der spärlich verkehrenden Züge. Aber auch für den Güterverkehr wurde nun immer öfter auf den Schienenweg gesetzt.
Somit verlor bis 1923 der Transportweg „Cure“ seine Bedeutung völlig und wurde eingestellt. Auch von den Kalköfen blieb nichts mehr übrig, ausser einer Brücke über den Fluss, einigen Metern Schiene und einem tiefen Graben, der zur Förderung des Kalks gegraben wurde. Ebenso sind das Kloster, die Mühlen und die Spitäler nicht mehr in Betrieb.

Während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) wurde in Vermenton ein grosses Truppen-Übungslager eingerichtet. Im Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt von den Deutschen besetzt und die verbliebenen Gebäude des ehemaligen Klosters „Reigny“ wurden, bis zu Befreiung des geschundenen Städtchens am 26. August 1945, zur Anlaufstelle des französischen Wiederstandes.

Es scheint, dass sich Vermenton danach nicht mehr richtig erholen konnte und den Anschluss an die aufstrebende Wirtschaftsmacht Frankreich verpasste. 1963 verliess auch noch der rege Durchgangsverkehr von Lyon nach Paris das Städtchen, denn die Autoroute A6 wurde eröffnet und die ehemals stolze Nationalstrasse 6 wurde zur holprige Provinz-Landstrasse. Die einen mochten die Ruhe begrüsst haben, für andere war es das Ende der Existenz.

So auch für zwei zwanzigjährige, slawische Burschen, die zur Umgehung von Zwangsarbeit in Deutschland, in Frankreich nach einer Ausbildung begannen selber Knöpfe, Broschen und Keramikschmuck in Handarbeit herzustellen. Der Erfolg ermöglichte ihnen nach kurzer Zeit eine kostengünstigere Serien-Produktion. Die Nachfrage stiegt rasch, denn nach dem Krieg mochten die Frauen endlich wieder Farben auf ihren grauen Kleidern und so kam ihnen dieser preisgünstige Emailschmuck gerade gelegen. Im Oktober 1946 bezogen die beiden eine alte Fabrik an der Stadtgrenze zu Vermenton. Mit der Idee, die Kieselerde durch zerkleinertes weisses Altglas zu ersetzen und durch die Zugabe des in der Gegend vorhandenen, hochwertig Tones und zusätzlichem Blei, senkten die Jungunternehmer die Brenntemperatur und somit die Betriebskosten. Sie begannen mit der Massenproduktion.
Der Zufall wollte es, dass der Grossvater des einen Jungunternehmers zu den Lieferanten des grössten Couturiers dieser Zeit, Christian Dior, gehörte. Diesem gefielen die Muster und es kam zu einer ersten grösseren Lieferung.
Kurze Zeit später wurde ein erster Verkaufsladen mit einer Tankstelle an der stark befahrenen Nationalstrasse A6 eröffnet, eine grosse gelbe Keramikkanne machte dafür Werbung. Viele weitere solcher Tankstellen mit Verkaufsläden wurden an den verschiedenen Nationalstrassen eröffnet. Die Produkte fanden reissenden Absatz und die Palette an Keramikprodukten wurde stark ausgeweitet – die Keramik von Accolay war nun im ganzen Land berühmt, das Geschäft florierte und es wurden viele Arbeiter beschäftigt.
1968 kam es zur erste Krise, denn die grossen Verkehrsströme verändern sich zu Gunsten der neuerstellten, meist privaten Autobahnen. Dort war man aber weder mit Tankstellen noch mit Verkaufsläden vertreten. Die Ölkrise und damit der Rückgang des Autoverkehrs, der sparsamere Kraftstoffverbrauch der Autos und die Ausrichtung der Tankstellen-Shops auf die ländlichen Gegenden der Nationalstrassen verstärkten den Misserfolg. Eine Änderung in der Modewelt – die Farbe und der Humor der Knöpfe, Buttons und Anstecker verschwindet – erledigte dann den Rest. 1989 wurde die Produktion eingestellt.

So tragen der technische Forstschritt, die Konzentration der grossen Märkte auf wenige Ballungszentren und veränderte Lebensbedingungen vielerorts dazu bei, dass der Anschluss an die veränderten Voraussetzungen oft nicht gelingt. Und es der Landbevölkerung schleichend zunehmend schlechter geht.
Doch der Teufelskreis von Niedergang und Abwanderung hatte für das Städtchen Vermenton schon längst früher begonnen, das zeigen auch die Bevölkerungszahlen recht eindrücklich:
1543 leben 2300 Einwohner in Vermenton, 1869 sind es gar 2500 Einwohner, im Jahr 1900 noch 2150 Einwohner, 1962 waren noch 1400 Personen in Vermenton gemeldet und 2010, bei der letzten Volkszählung, waren trotz Eingemeindungen nur noch 1182 Einwohner in Vermenton wohnhaft.


Die Zukunftsaussichten:
Es gibt aber auch durchaus positive Zukunftsperspektiven für Vermenton:
Der Jakobs-Pilgerweg von Trier nach Roncesvalles in Spanien, die Überbleibsel der ehemaligen Zisterzienserabtei „Reigny“ mit ihrem kulturellen und gastronomischen Angebot, der gutgeführte Campingplatz mit seinen schönen Blumenbeeten, der bereits mehrere Auszeichnungen bekommen hat, die Hausboot-Vermietungen im Hafen des Canal du Nivernais oder das angrenzende nationale Naturschutzgebiet, geben doch Hoffnung auf einen allgemein wieder aufblühende Tourismus in der Region. Aber auch die Handelstätigkeiten eines Marktfleckens, die kommunale und regionale Geschäftigkeit einer kantonalen Verwaltungsstadt und der gut sortierte Supermarkt bringen Kunden ins Dorf. Genau wie auch das neue regionale Gesundheitszentrum – ein hypermoderner Bau mit drei Allgemeinmedizinern, einem Zahnarzt und Kieferchirurgen, zwei Physiotherapeuten sowie einer Pflegestation, der in unmittelbarer Nähe zum Altersheim vor kurzem eröffnet wurde. Mit ihm schliesst sich auch der Kreis zum gesundheitlichen Angebot des Klosters im 14. Jahrhundert.

Und zum Aufbruch in die Zukunft passt doch auch die neue, gediegene Strassenbeleuchtung des Ortes, damit Vermenton in neuem Glanz erstrahle, vorläufig wenigstens nachts.





:) 

Sonntag, 13. Oktober 2013

Quer durch Frankreich 1 - Die Geisterstadt







Quer durch Frankreich

Durch Frankreich, von links nach rechts, von Ost nach West, von den Bergen bis ans Meer und von Basel am Rhein bis nach Auderville am Ärmelkanal  – und natürlich auch wieder zurück. Das waren spannende 3200 Kilometer, durch grossartige Landschaften mit Himmel und Meer soweit das Auge reicht –natürlich faszinierend für einen Schweizer, der sonst schnell mal einen Berg vor den Augen hat.
Wir besuchten wohlhabende, aber leidenschaftslose Touristenorte mit pulsierendem Leben und mausarme, verträumte Provinz-Dörfer mit viel Charme und baufälligen Häusern, die man zu hunderten kaufen könnte. 
Oft trafen wir auf die überschäumende Ferienstimmung der Gegenwart und verweilten in der bedrückenden Geschichte der leidvollen Vergangenheit. Tausende goldgelbe Strohballen sahen wir auf endlosen Feldern und ebenso viele schneeweisse Grabkreuze und graue Gedenkplatten auf geschichtsträchtigem Gelände, beides vor dem gleichen tiefblauen Himmel.
Freud und Leid, mit dem unsicheren Blick des Fremden gesehen, das nie richtig zu überzeugen vermochte, aber oftmals ziemlich nachdenklich stimmte.
Die Eindrücke dieser Reise waren grossartig und beeindruckend, aber auch aufwühlend und bedrückend. Sie könnten gegensätzlicher nicht sein.


Darüber werde ich hier in mehreren Folgen berichten und dabei nicht nur auf der oberflächlichen Reiseberichterstattung bleiben, sondern manchmal auch ganz schön in die Tiefe gehen und hervorheben, was meine nachträglichen Recherchen auf die vielen Fragen, die sich mir während dieser Reise immer wieder stellten, hervorbrachten.



Teil 1:
Die Geisterstadt

Die ersten beiden Tage unserer zweiwöchigen Sommerreise quer durch Frankreich sind geprägt von langen Autofahrten. Darum benützen wir am ersten Tag zeitsparend die kostenpflichtige Autobahn, denn das facettenreichen Burgund ist das Ziel einer späteren Reise – im Herbst während der Weinlese. Wir wechseln also erst am späten Nachmittag bei Avallon auf die Hauptstrasse N6 und wie immer auf unserer Reise durch Frankreich finden wir trotz Ferienzeit schnell einen angenehmen Campingplatz.
Reserviert haben wir nie, denn zahlreiche französische Gemeinden bieten den Reisenden einen meist preiswerten „Camping Municipal“ an. 

So spannen wir unser Zelt für die erste Nacht zufällig in
Vermenton

auf – einer kleinen Burgunder Gemeinde am Fluss Cure.
Der Campingplatz (Bilder) macht einen sehr gepflegten Eindruck, man ist auch freundlich und er ist recht günstig – aber trotz Hochsaison ist er nur schwach besetzt.

Nach dem Abendessen haben wir Lust auf ein kühles „Blondes“ oder ein Glas „Roten“ – am liebsten einen einheimischen Burgunder – also machen wir uns auf zum nahen Ort. Wir spazieren auf dem idyllisch Uferweg am grosszügigen, öffentlichen Park mit Grillstellen, Holztischen, Bademöglichkeiten und lauschigen Sitzbänken unter stattlichen Bäumen vorbei. Nach der eher verwahrlosten Hafenanlage (Bilder) mit leise schaukelnden Hausbooten treffen wir am Dorfrand auf ein altes Gemäuer das von glasklarem Wasser durchflossen wird. 
 


Dabei muss es sich um eines dieser typisch burgundischen Waschhäuser handeln.
Sie sind oft direkt um eine Quelle herum gebaut oder über eine direkte Zuleitung mit einer verbunden. Das erklärt mir nun auch, warum das kristallklare, frische Wasser ohne ersichtlichen Zufluss plötzlich vorhanden ist.

Der Bau dieser Waschhäuser, oft am selben Ort eines früheren offenen Waschplatzes, begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die vielen Epidemien der Vergangenheit bewogen Napoleon die Bauten zu fördern. Der Bau der Waschhäuser wurde im Regelfall aus der jeweiligen Gemeindekasse finanziert, denn auch das oft – nach der Auffassung von kirchlichen und behördlichen Autoritäten – allzu offenherzige und freizügige Verhalten der Waschfrauen an den Waschplätzen sollte unterbunden oder zumindest hinter Mauern versteckt werden. Die nüchternen Zweckbauten, ohne jede Verzierung, waren der Funktion angepasst und mussten an manchen Orten – dort wo das Wasser eher rar warauch noch zur Viehtränke herhalten.
Die ersten Waschhäuser waren ungedeckt, später wurde „der Komfort“ der Frauen mit einer ganzen oder teilweisen Überdeckung erhöht.

Hier in Vermenton sind nur die beiden seitlichen Gänge abgedeckt. Die Waschplätze entlang des mit kaltem Quellwasser gefüllten Wasserbeckens waren damit nur mangelhaft vor dem Wetter geschützt. Die Frauen knieten jeweils auf der teilweise im Wasser liegenden Waschfläche oder anderenorts hinter den ins Wasser getauchten, geneigten Waschsteinen und bearbeiteten mit einem hölzernen Schläger, dem Bleuel, oder bloss mit der Hand mühsam die Wäschestücke. Bürsten waren zu dieser Zeit kaum in Gebrauch, genau so wie Waschsteine oder Waschtische an denen man stehend arbeiten konnte. 
(Link für Bild) 
Mancherorts war ein Ofen eingebaut, der nebst etwas Wärme im Winter auch warmes Wasser und vor allem die kaliumreiche Asche lieferte, die damals als „Waschmittel“ eingesetzt wurde. 
Mit einer Werche (Wehr) am Ende des Waschhauses wurde der Wasserstand im Becken konstant gehalten. 

Da Männer in den Waschhäusern nicht zugelassen waren, wurden diese nebst ihrer eigentlichen Funktion auch zum Treffpunkt der Frauen vom Dorf und aus der Umgebung. Denn „La blanchisserie“ bot trotz der harten Arbeit immer auch etwas Raum für weibliche Freiheit.
Sonst war der Platz der Frau das Zuhause, Abwechslung bot sich selten, Feste waren rar und die Wirtshäuser waren ihnen verwehrt. Es war auch unvorstellbar, dass sie an öffentlichen Versammlungen teilhatten, das blieb den Männern vorbehalten. So war eben das Waschhaus der Ort von fraulicher Begegnung, Austausch und weiblicher Geselligkeit.
Gegenseitige Anteilname, vielleicht etwas seelische Unterstützung und möglicherweise auch tatkräftige Frauensolidarität gab es manchmal nur im Waschhaus, wenn das Heimwesen abgelegen war.

Eine städtische Verordnung regelte die Benutzung der Waschhäuser und die Aufsicht darüber lag dementsprechend bei den ausschliesslich männlichen Ortsbehörden, denn die Frauen hatten damals weder ein Wahlrecht, noch das Recht gewählt zu werden. Auf diese Weise versuchten die Männer auch im Waschhaus Einfluss zu nehmen und wenigstens von aussen die Kontrolle über dieses kleine, weibliche Refugium zu bewahren.

„Le lavoir“– das Waschhaus, war auch immer ein Ort der Kommunikation, dort wo die Frauen ungestört ihre Erfahrungen und Neuigkeiten austauschen konnten – die Guten und die Schlechten, die Wahrheiten, die Vermutungen und auch die Gerüchte.
Durch diesen „Informationsaustausch“ im Zusammenspiel mit der klatschenden Geräuschkulisse beim „Schlagen“ der Wäsche, ist auch das Wort „Klatsch“ entstanden. Aber auch der abwertende Vergleich «geschwätzig wie ein Waschweib» erinnert noch heute  „sprichwörtlich“ an den Tratsch der Wäscherinnen.

Obschon, Sprache war für die Information gar nicht immer notwendig. Denn Wäsche, insbesondere schmutzige, sagt doch einiges über eine Familie aus, wenn man den Schmutz, die Qualität, den Zustand oder die “Fasson“ der Wäsche zu interpretieren weiss.
Diese Art der „Bildsprache“ zeigt sich auch in Ausdrücken wie, «die schmutzige Wäsche anderer waschen» oder «dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen» oder «wer fehl am Platz ist, der erbte das Schmutzwasser der anderen» oder «in trüben Wassern kann man nicht sauber waschen».
Aber nicht zuletzt auch wegen der kleinen Kindern, die die Frauen ja meistens mit dabei hatten, konnte nicht immer alles offen ausgesprochen werden.

Manchmal gab es dort natürlich auch Streitigkeiten, die dann auch leicht entarten konnten. Der Bleuel (Wäscheschlegel) fand ein anderes Ziel als vorgesehen oder es wurde mit nassem Leinen um sich geschlagen. An der nötigen Kraft fehlte es den damaligen Frauen ja nicht. «Dir bleut bald was» ist ein Ausdruck dieser schlagfertigen Waschweiber, wenn sie mit dem Bleuel drohten.

Die harte, mühsame Arbeit begann oft in der Morgendämmerung und dauerte manchmal bis zum Eindunkeln. Aber Gesang und Gelächter, etwas zu Essen, ein guter Tropfen, etwas Absinth oder Glühwein liessen auch manchmal die Sorgen des Alltags und Strapazen in der rauen, nasskalten Einrichtung etwas vergessen.
Kurzgesagt, die Burgundischen Waschhäuser waren auch ein Ort voll von prallem Leben.  

Hier in Vermenton, ergiesst sich das kristallklare Wasser am Ende des Waschhauses, heute vermutlich meist ungenutzt, in den Dorfbach. An diesem Abend ist der vom kurzen, aber heftigen Platzregen während des Nachtessens noch immer dreckig braun gefärbt und stinkt etwas.
 



Aber nun strahlt bereits wieder die untergehende Sonne und es ist angenehm warm. Trotzdem – diese Ortschaft mit seinen 1100 Einwohner scheint völlig ausgestorben. Kein Mensch weit und breit. 
Irgendwo in den engen Gassen kläfft zwar ein Hund, auch eine junge, magere Katze streicht um eine Hausecke und jemand rüttelt von innen an einer geschlossenen Holztüre – etwas gespensterhaft das Ganze!
Aber doch, durch ein offenes Fenster sehe ich eine weisshaarige, sehr alte Frau in einer blaugemusterten Kasack-Schürze, die scheinbar in der Küche etwas hantiert. Ist sie die einzige, die noch in dieser "Geisterstadt" lebt, ist man versucht sich zu fragen.
Der Ort, dessen Ortsname "Land der schönen Hügel" bedeutet, ist arm, das sieht man. Die meisten Häuser im Zentrum sind verlottert und viele zum Verkauf angeboten. Läden gibt es ausser einem Supermarkt keine mehr, und wie es scheint auch kein geöffnetes Lokal um etwas zu trinken, denn das einzige Restaurant des Ortes hat am Montag, also am Tag unseres Besuches, geschlossen. Die Strassen sind von Schlaglöchern übersät und alles erscheint mir irgendwie trostlos. Sogar die Kirche „Notre-Dame de Vermenton“ ein stattlicher Bau aus dem 12. Jahrhundert, wirkt keineswegs einladend und ist bei unserem Besuch – natürlich geschlossen. Aber auch so ist ihr schlechter Zustand leicht erkennbar, wie auch die Statuen beim Eingang deutlich zeigen, die sichtlich schon lange auf die Strasse bröckeln.



Auch der mächtige Südturm „Tour de Méridien“ – Rest einer Befestigungsanlage aus dem vierzehnten Jahrhundert an der ehemals wichtigen Nationalstrasse 6, hätte eine Auffrischung dringend nötig.


 Tour Méridien, Vermenton
Autor: Pline - Wikimedia Nr. 0145

Den Namen trägt der Turm, weil daneben das wohl berühmteste Monument dieser Ortschaft steht, die Sonnen-Uhr „Le Méridien“.


 Cadran solaire, Vermenton 
Autor: Pline - Wikimedia Nr. 0154

"Le Méridien" wurde gemäss Gravur im Jahr 1790 erstellt. Sie ist aus heimischem Kalkstein geschaffen und 3 m hoch. Sehr aussergewöhnlich ist ihr doppelseitiges senkrechtes Zifferblatt, je eines in nördlicher und in südlicher Ausrichtung. Der Metallstab für den zeitzeigenden Schattenwurf ist auf einem Meridian parallel zur Rotationsachse der Erde ausgerichtet, daher stammt auch der Name der Sonnenuhr. Er ist aber nur noch auf der Südseite vorhanden.

Das Zifferblatt der Südansicht ist der Nationalstrasse zugewandt. Weil es am besten sichtbar ist, ist es auch reichhaltig verziert. Es wird während des ganzen Tages von der Sonne angestrahlt. Die Stunden sind darum im Halbkreis von 6 Uhr morgens (links oben), über zwölf Uhr mittags (ganz unten), bis abends 6 Uhr (rechts oben) in römischen Ziffern eingraviert.
Darüber, nach einem dekorativen Ornament, die Darstellung der Sonne mit zwei Sternen.
Die eher schlichte, „dunkle“ Rückseite der Sonnenuhr ist weniger sichtbar und der dahinterliegenden Kirche zugewandt. Sie wird von der auf- und untergehenden Sonne nur im Sommer angestrahlt, wenn der Azimut zwischen der Tagundnachtgleiche im März und im September überschritten wird. Darum finden man auf ihr auch nur die römischen Ziffern 4, 5, 6 für die Morgenstunden und die 6 bis 8 für die Abendstunden.

Statt der schmückenden Ornamente und Gestirne findend man auf der Rückseite dafür die mahnenden Worte:
"CRAIGNONS L'ŒIL QUI VOIT TOUT“
"Fürchten wir das Auge, das alles sieht." 
 

Was ist los mit diesem halbausgestorbenen Städtchen, frage ich mich an diesem Abend und danach noch einige Male in den nächsten zwei Wochen. Denn solche „darbende“ Orte gibt es auf unserer Reise viele.
Einige Orte verbreiten zwar noch einen morbiden, verträumten Charme, die meisten aber bereits das Antlitz des Zerfalls und einer tiefgreifenden Hoffnungslosigkeit. Von den Bewohnern verlassen, von der Politik vergessen und vom Zahn der Zeit zerfressen.
Sie alle scheinen auf dem Weg in die moderne Gegenwart irgendwann stehen geblieben zu sein und der starke Niedergang der letzten Jahrzehnte hat seine Spuren deutlich hinterlassen. Die Einwohner scheinen stark überaltert zu sein und ihre Häuser haben den einstigen Glanz der Vergangenheit verloren. Sie sind oft baufällig oder scheinen bereits verlassen. Die Dorfstrassen sind in miserablem Zustand, es gibt oft keine Poststelle und keine Einkaufmöglichkeiten mehr. Man fährt zwanzig Kilometer zum nächsten Supermarkt und auch das Schulhaus steht leer, denn die wenigen Kinder fahren mit dem Schulbus zur nächsten Bezirksschule.

Zuhause suche ich im Internet nach Erklärungen für den fatalen Abstieg von Vermenton.
Für den, den es interessiert, habe ich die Geschichte dieser Kleinstadt zusammengetragen und auch mögliche Gründe herausgefunden oder aus den spärlichen Angaben eine Erklärung interpretiert.


Was ist los mit Vermenton?
Oder die exemplarische Geschichte einer kleinen französischen Provinzstadt –  das ist dann der zweite Teil dieses Reiseberichtes „Quer durch Frankreich“. 
(Zum 2. Teil)





:)


Freitag, 11. Oktober 2013

„Noble Preise“






Noble Preise“

Ich freue mich über den Literatur-Nobelpreis für Alice Munro.
Die 82-jährige kanadische Schriftstellerin gehört zu meinen Lieblingsautorinnen.
Ihre Kurzgeschichten – sie hat nur einen Roman geschrieben - enthalten auf schmalem Raum alles, was eine Erzählung lesenswert macht: die genaue Beobachtung, die raffinierte Handlungskonstruktion die keine Konstruktion erkennen lässt, die aufbauende Spannung, das Berühren des Gemütes und die nachhaltige Wirkung.

In den zwölf Erzählbänden, die bisher auf Deutsch erschienen sind, haben die fast ausnahmslos weiblichen Hauptfiguren viele Rollen eingenommen um reale Erlebnisse und Erfahrungen der Autorin in erfundene Begebenheiten und Wahrheiten zu verwandeln. Denn das sind die Stärken von Alice Munro: der mit klarem Blick einer geduldigen Chronistin beobachtete Alltag des einfachen Lebens.
Ihre Geschichten sind zeitlos, genauer gesagt, zeitenthoben und jederzeit gegenwärtig. Die Konflikte einer Kindheit, die Sehnsüchte nach Liebe, nach Sex, nach Anerkennung, nach beruflicher Karriere, nach eigenen Kindern, das Scheitern und neue Partnerschaften nach einer Trennungen sind in ihren Erzählungen allgegenwärtig, ohne dass die Autorin ihre Figuren jemals „vorführt“. Eine behutsame Literatur des Privaten, das vom Trivialen zur Kunst erhoben wird.

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich finde, dass die Erzählerin Alice Munro diesen wertvollsten Literaturpreis zu Recht gewonnen hat.
Es ist zugleich ein wichtiges Bekenntnis zur Kurzgeschichte. Denn diese Form der Literatur wird aus meiner Sicht im Literaturbetrieb neben den „grossen“ Romanen noch immer allzu oft „stiefmütterlich“ behandelt.
«Die Literatur betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt», sagte auch Munro in einem ihrer wenigen Interviews.
Doch gerade Kurzgeschichten sind ein hartes Geschäft, denn diese Schreibform benötigt sehr viel Können, Disziplin und nicht zuletzt auch Ausdauer, denn Verlage und Buchhandlungen sind oft nicht bereit, sie als „verkaufsfähige“ Literatur anzuerkennen.
Doch Alice Munro hat diese spezielle Form zur Perfektion gebracht. Sie ist die „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichteund für mich ein grosses Vorbild als Erzählerin.


Besonders gefallen haben mir die Bücher «Der Mond über der Eisbahn» (1986) und «Tricks» (2004)
2006 wurde übrigens «An ihrer Seite» – basierend auf Munro's Kurzgeschichte „The Bear Came Over the Mountain“ verfilmt, ein äusserst sehenswerter Film über das beklemmende Thema Alzheimer und doch ein grossartiger Liebesfilm.




Und heute.....

Ich hoffe sehr, dass der Friedensnobel-Preis an die erst 16 Jahre alte
Malala Yousafzai
geht, die sich in ihrer Heimat Pakistan gegen die Taliban für das Recht von Frauen und Mädchen auf Bildung einsetzt.
Als grosse Hoffnungsträgerin für gleichberechtigte Bildung der Frauen auf der ganzen Welt, hielt sie am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, eine beeindruckende Rede vor der UN-Jugendversammlung . Die junge Frau aus Pakistan erhielt gestern Donnerstag bereits den Sacharow-Preis des Europaparlaments.
Für mich ist sie trotz ihres jugendlichen Alters bereits jetzt eine grosse Persönlichkeit unserer Zeit.


Update:
Der Friedensnobelpreis 2013 geht an die OPCW (Organisation für das Verbot von Chemiewaffen)
Die OPCW ist für die Umsetzung der Chemiewaffenkonvention von 1997 zuständig. Sie hat bislang 189 Mitgliedsstaaten - Syrien soll am kommenden Montag 190. Mitglied werden. Zurzeit sind Chemiewaffenkontrolleure in Syrien unterwegs, um Lager aufzusuchen und die Vernichtung der Waffen einzuleiten.


Schade, auch wenn die OPCW für den Erhalt des Weltfriedens eine wichtige Organisation ist, hat man heute in Oslo sicher eine grosse Chance verpasst.
Denn was Malala als Individuum unter Einsatz ihres jungen Lebens geleistet hat und immer noch unter Todesgefahr leistet, ist einfach grandios. Viele bezeichnen sie bereits jetzt als die Ghandi unserer Zeit! Der Preis wäre ein deutliches Zeichen gegen den Terrorismus, gegen extremistische Islamisten und gegen die Unterdrückung der Frauen in vielen Teilen der Welt gewesen.



Nachtrag 10. Oktober 2014:
Nun hat  MalalaYousafzai den Friedensnobelpreis doch noch bekommen!
Ich freue mich sehr!
Mit 17 Jahren ist sie somit die jüngste Nobelpreisträgerin bisher.

Diese Auszeichnung ist für die Kinderrechtsaktivistin trotz ihrer Jugend (oder gerade deswegen) hochverdient.
Genau so wie für ihren Co-Preisträger
Kailash Satyarthi
einen indischen Kinderrechtsaktivisten, der sich unermüdlich seit drei Jahrzehnten gegen das in Indien weit verbreitete Übel der Kinderarbeit einsetzt. Er hat mit seinem Engagement zehntausende Kinder aus Sklaverei und Schuldknechtschaft befreit. Er trug auch dazu bei, den Westen für das Thema zu sensibilisieren und auf die Herkunft von Produkten zu achten.

Ganz herzliche Gratulation den Beiden.

:)